Eruv

 

Erscheinungen des Raumes als Thema einer Gruppenausstellung. Der Begriff der Erscheinung hat mich nicht mehr losgelassen: "Wie kann Raum nur erscheinen?“, „Warum manifestiert er sich nicht?“, kurzum „Wie kann Raum eine Erscheinung bleiben?". So habe ich mich an Berichte erinnert, die ich vor wenigen Jahren gelesen habe. Sie handelten von einer jüdischen Einrichtung, dem sogenannten Eruv.

Der Eruv ist ein Sabbatzaun, der in einer Ausprägung im von ihm umgrenzten Raum bestimmte Aktivitäten erlaubt, die am Sabbat für Gläubige außerhalb ihrer Wohnungen verboten sind. Dies entspricht der Interpretation der Passage aus Exodus 16:29: „...bleibet ein jeder an seiner Stelle, niemand gehe am siebten Tage von seinem Orte heraus.“ Untersagt sind beispielsweise das Tragen von Gegenständen, auch das Bewegen eines Rollstuhls oder eines Kinderwagens. Das von einem Eruv umschlossene Gebiet wandelt dieses von einem öffentlichen Raum (Reshut HaRabim) in einen privaten Bereich (Reshut Hayehid) um. Mit der Erweiterung des privaten Raums geht eine Aufhebung der oben genannten Verbote einher. Ausgehend vom Modell einer imaginären Stadtmauer wird dieser Zaun einerseits von bestehenden Begrenzungen (Zäune, Flüsse etc.) gebildet, andererseits benötigt er, um koscher und wirksam zu sein, eine Durchgängigkeit, die durch gespannte Drähte gewährleistet wird. Der Eruv in Wien umspannt im Wesentlichen die Bezirke I- IX und XX.

Für mich ist der Eruv ein Raum, der einem solchen Zwischenstadium verharrt. Eine bloße Erscheinung, auch seiner erklärten Zielsetzung nach, da er nach dem zugrunde gelegten Talmud-Traktat integraler Bestandteil des Stadtbildes werden soll. Täglich passiere ich einen Raum, der einmal in der Woche für seine Benutzer eine starke Wirkung entfaltet und als wesentliche Erleichterung, vor allem für junge Familien und gehbehinderte Personen, gesehen wird. Ich aber eile vorbei, nehme ihn nicht wahr. Was geschieht hier mit Gläubigen? Denken seine Nutzer an den Verlauf des Eruv? Erkennen sie die Begrenzung oder bedarf es keiner Wahrnehmung mehr?

 

Es folgen für mich die nächsten Fragen: „Wo verläuft er nun dieser Eruv?“, „Kann auch ich ihn erkennen?“, letztlich „Wie etwas fotografisch darstellen, das gewollt unsichtbar ist?“

Der konkrete Streckenverlauf wird aus guten Gründen verschleiert. Zu einfach wäre es, den Eruv durch böswilligen Vandalismus unbrauchbar zu machen. Althergebrachten Ressentiments könnte allzu leicht Vorschub geleistet werden. Durch Recherche können vermeintliche Fixpunkte ausgemacht werden: die Stadtbahn, die Donau, auch die Trasse des neu errichteten Hauptbahnhofs sind Teile des Eruv. Die Durchgängigkeit oder gar die gesamte Strecke bleiben mir verborgen, ich begebe mich zu den für mich festgemachten Plätzen, natürlich sehe ich nichts. „Wie also etwas fotografisch darstellen, das verborgen bleibt?“ So irre ich umher, um mich herum Vorbeieilende, auch sie erkennen die hier verlaufende Grenze nicht. Ich richte meinen Blick nach oben, frage mich wieder, ob ich den Eruv gefunden habe und drücke auf den Auslöser.

 

Auf meinen Bildern erkenne ich in der Dunkelkammer wenig später Flächen, abstrakte Gebilde.

 

Die Grundidee des Eruv entstand als Zusammenschluss mehrerer Wohneinheiten, die durch Hinterhöfe verbunden waren. Die Betrachtung der Häuser und Zäune als Sabbatzaun ermöglichte den Bewohnern auch eine gemeinsame Nutzung der Gesamtfläche am Sabbat. Somit konnten sie weiter am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Später wurde dies auf die Fläche von Städten erweitert, die von einer Stadtmauer umschlossen waren. Diese strikte geometrische Linienführung finde ich nun vor mir. Nur auf den Bildern kann ich den Eruv erkennen, der mir bisher verborgen geblieben ist.

 

4 Bilder, Barytabzüge kaschiert auf Aludibond, 18 x 24 cm

(2015)